Hochamt für den Krieg

Die 94 Jugendoffiziere der Bundeswehr nutzen jede Gelegenheit, um Nachschub für die Einsatzarmee zu beschaffen

Bildungsmesse nennt sich die »Didacta«, die noch bis Samstag in den neuen Stuttgarter Messehallen stattfindet. In Wahrheit ist sie eine Rekrutierungsmesse für die Bundeswehr, ein Hochamt für den Krieg.

Vor Jahren schon hatte die Bundeswehr einen Riesenstand auf der Leipziger Buchmesse erobert, gleich neben den Kinder- und Jugendbüchern. Mit Kriegsspielen wurden die jungen Messebesucher von den sogenannten Jugendoffizieren in Uniform agitiert. Schriftsteller und Verleger protestierten gegen diesen Versuch, die Buchmesse in eine Militärmesse umzuwandeln. Das Deutsche PEN-Zentrum intervenierte wiederholt bei der Messeleitung, bei Demonstrationen vor dem Bundeswehrstand wurde der Geschäftsführer dieser Zeitung zusammengeschlagen und in Handschellen abtransportiert. Mit im Einsatz zivil verkleidete Feldjäger der Bundeswehr, sie dürfen — laut Gesetz – nur innerhalb eines militärischen Sicherungsbereiches losgelassen werden. Als »Kettenhunde« waren sie schon unter den Nazis die brutalste Truppe, die zahlreiche Kameraden an den Galgen brachte.

Dem anhaltenden Protest gelang es schließlich doch, die Leipziger Messe von der Bundeswehr zu befreien, ihr Messestand ist verschwunden. Doch die Lage ist ernst. Der Chef des Planungsstabs der NATO-Politabteilung in Brüssel, Michael Rühle, verlangte am 4.Februar in einem Grundsatzartikel der FAZ: »Die Bundeswehr muß den Weg zur Einsatzarmee konsequent weitergehen – mental wie materiell.« Der »Kämpfende Soldat« soll die »bessere Alternative« zum »bewaffneten Entwicklungshelfer« werden. Die Bundeswehr braucht Kanonenfutter, frische Soldaten für ihre Kampfmaschine in Afghanistan.

Leipzig mußten die Werber der Bundeswehr verloren geben. Umso stärker konzentrieren sie sich jetzt auf andere Messen, auf denen sie Jugendliche anlocken können. Auf der »Didacta« in Stuttgart wollen sie dazu noch ein ganz besonderes Ereignis feiern – sich selbst: Fünfzig Jahre Jugendoffiziere der Bundeswehr. Diese Jugendoffiziere sind hervorragend geschulte, raffinierte Werber, was der Staat an den Schulen spart, das steckt er in ihre Berufsausbildung.

Über das ganze Land verteilt gibt es – nach Angaben des Verteidigungsministeriums 94 Jugendoffiziere, die »allesamt über mehrjährige Erfahrung als militärische Vorgesetzte verfügen. Vielfach können sie auch auf eigene Erlebnisse in Auslandseinsätzen in Afghanistan, dem Kosovo oder vor der Küste Libanons zurückblicken«.

Die Jugendoffiziere sind seit 1958 »wesentlicher Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr«. Sie müssen für frischen Nachwuchs sorgen, und darum ist ihr Anforderungsprofil hoch: »Sicherheitspolitisches Interesse und fundiertes Wissen sowie ein sicheres Auftreten in der Öffentlichkeit sind dabei genauso Voraussetzung wie ein abgeschlossenes Hochschulstudium.«

Auf der Stuttgarter »Didacta« warten sie in der Halle 7 gleich beim Westeingang des neuen Messegeländes auf ihre Opfer. Aber sie treiben ihr Wesen im ganzen Land. Im Januar wurden 34 Schüler aus Torgau und Delitzsch (Sachsen) auf das Schloß Weidenberg nach Nürnberg gekarrt und dort von ihrer Deutschlehrerin Stößer für vier Tage an die beiden Jugendoffiziere Matthes und Geppert zum Kriegsspiel ausgeliefert. Die Torgauer Zeitung schrieb: »Der Großteil der Teilnehmer ist sich einig: Wer die Gelegenheit bekommt, im nächsten Jahr dieses Planspiel der Bundeswehr mitzumachen, sollte sie nutzen! Handelt es sich hierbei auch nicht um zusätzliche Ferien in Bayern, so ist es doch für alle eine unvergeßliche Art der Weiterbildung geworden.« Eine viertägige Veranstaltung für Schüler aus Hamburg-Bergedorf fand Anfang Februar in der Bremer Scharnhorst-Kaserne statt. Mit eingebunden: die Jugendreferentin des Volksbunds für Kriegsgräberfürsorge Isa Nolle.

Eltern, die es dulden, daß Jugendoffiziere sich in den Schulen herumtreiben, die ihre Kinder nicht vor derlei »Unterricht« bewahren, dürfen sich nicht wundern, wenn sie sie eines Tages im Leichensack zurückbekommen. Dann kommt Widerstand zu spät und es bleibt nur noch »stolze Trauer« – wie schon einmal.

Von Otto Köhler

Quelle: http://www.jungewelt.de/2008/02-20/043.php